Das erste Jahr im Mandat: Was neue Abgeordnete erwartet

Die Wahl ist gewonnen, und am nächsten Tag beginnt ein neuer Beruf. Wer zum ersten Mal in den Bundestag oder einen Landtag einzieht, muss in wenigen Wochen ein Büro aufbauen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen, in der Fraktion ankommen und den Wahlkreis im Blick behalten. Eine Einarbeitung wie in anderen Berufen gibt es kaum.
In diesem Ratgeber zeige ich, was im ersten Jahr typischerweise ansteht, was eine aktuelle Studie dazu sagt und wie Sie sich die Arbeit leichter machen. Ich arbeite überparteilich und begleite alle, die demokratisch antreten. Wenn Sie gerade neu im Mandat sind, vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch (15 Minuten).
Wichtigste Erkenntnisse
- Der Bundestag tritt spätestens am 30. Tag nach der Wahl zusammen (Art. 39 Abs. 2 GG). Bis dahin und in den Wochen danach laufen Büroaufbau, Einstellungen und Einarbeitung gleichzeitig.
- Eine Studie mit 50 Interviews im Bundestag beschreibt das erste Jahr als „Marathon im Sprinttempo“. Gelernt wird „fast ausschließlich durch Erfahrung, nicht durch Ausbildung“ (Robert Bosch Stiftung/Better Politics Foundation, Juni 2026, PDF-S. 5).
- Rückblickend nennen fast alle Befragten die Führung des eigenen Teams als zentralen und unterschätzten Lernbedarf (ebd., PDF-S. 6).
- Die Belastung normalisiert sich nach den ersten Monaten nicht. Offenheit darüber gilt in Fraktionen als Karriererisiko (ebd., PDF-S. 8).
- Hilfreich sind feste Absprachen im Team, ein klarer Plan für Wahlkreis und Parlament und ein vertraulicher Ort zum Nachdenken, etwa im Coaching oder in der Supervision.
Wer ist gerade neu im Mandat?
Der 21. Deutsche Bundestag wurde im Februar 2025 gewählt. 2026 kamen neue Landtage dazu: Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Frühjahr, Sachsen-Anhalt am 6. September, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September (Deutscher Bundestag, Wahltermine in Deutschland). Viele Abgeordnete sind deshalb gerade in ihren ersten Monaten. Die 16 Landesparlamente haben zusammen 1.870 Sitze, der Bundestag hat 630 (mehr dazu im Beitrag Wie viele Berufspolitiker gibt es in Deutschland?).
Die meisten Befunde in diesem Ratgeber stammen aus dem Bundestag. Für Landtage gelten eigene Abgeordnetengesetze, kleinere Budgets und oft andere Abläufe. Die Grundaufgaben im ersten Jahr sind aber ähnlich.
Was passiert in den ersten Wochen nach der Wahl?
Der Übergang beginnt am Tag nach der Wahl, mit der ersten Fraktionssitzung. Danach folgen die Einführungen der Fraktion und die konstituierende Sitzung des Parlaments. Die Studie der Robert Bosch Stiftung beschreibt als prägendes Merkmal der ersten Wochen die „Gleichzeitigkeit“: Büros einrichten, Mitarbeitende einstellen, Abläufe verstehen, in der Fraktion ankommen und öffentlich sichtbar werden, alles zur selben Zeit (PDF-S. 18 f.).
Die Einführungsangebote der Fraktionen geben eine erste Orientierung, sind laut Studie aber „stark verdichtet“. Sobald der Parlamentsbetrieb läuft, bleibt kaum Zeit für Weiterbildung (PDF-S. 21). Es hilft deshalb, sich früh drei Fragen zu stellen: Was muss in den ersten vier Wochen stehen? Was kann warten? Wer hilft mir bei was?
Wie baue ich mein Büro auf?
Im Bundestag stellen Abgeordnete ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst ein. Sie sind Arbeitgeber, nicht die Bundestagsverwaltung (§ 12 Abs. 3 AbgG). Für Personal stehen monatlich bis zu 27.396 Euro zur Verfügung, Stand 1. Mai 2026 (Deutscher Bundestag: Mitarbeiter). In den Landtagen sind die Budgets nach Aussage der Befragten deutlich kleiner (Bosch-Studie, PDF-S. 37). Wie Sie das Büro als Team führen, steht im Ratgeber Abgeordnetenbüro.
Viele werden damit „über Nacht zu Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern in einem kleinen Unternehmen“, oft ohne Vorbereitung (PDF-S. 6). Das Team ist gleichzeitig Ihre wichtigste Ressource. Klären Sie früh:
- Wer arbeitet am Parlamentssitz, wer im Wahlkreis?
- Wer gibt Texte, Termine und Social-Media-Beiträge frei?
- Wann trifft sich das ganze Team, auch wenn es an zwei Orten arbeitet?
- Was ist eilig, und wann hat das Team frei?
Wie Sie Rollen verteilen und Konflikte im Team lösen, beschreibt der Ratgeber Abgeordnetenbüro führen.
Wie finde ich meinen Platz in der Fraktion?
Für neue Abgeordnete ist die Fraktion die wichtigste Orientierungs- und Unterstützungsstruktur (Bosch-Studie, PDF-S. 28). Dort werden Ausschussplätze und fachliche Zuständigkeiten verteilt. Dort entscheidet sich auch, wer gehört wird.

Die Studie zeigt außerdem: Netzwerke wirken wie Infrastruktur. Wer gute Kontakte und ein erfahrenes Team mitbringt, lernt schneller. Wer das nicht hat, ist stärker auf sich gestellt (PDF-S. 5). Mentoring entsteht oft zufällig, etwa durch Büronachbarschaft. Viele wünschen sich ein festeres Angebot (PDF-S. 6).
Was Sie selbst tun können:
- Suchen Sie sich früh zwei oder drei erfahrene Kolleginnen oder Kollegen, die Sie fragen können.
- Klären Sie, wofür Sie in der Fraktion stehen wollen, und sagen Sie es.
- Bereiten Sie die ersten Reden gut vor. Hinweise dazu finden Sie im Ratgeber Haushaltsrede.
Wie Fraktionen geführt werden und wo Konflikte entstehen, steht im Ratgeber Fraktionsvorsitz.
Wie verbinde ich Parlament und Wahlkreis?
Abgeordnete arbeiten an zwei Orten. In Sitzungswochen bestimmt das Parlament den Kalender. In den anderen Wochen geht es um Termine im Wahlkreis, um Partei, Vereine, Verwaltung und Presse. Das Wahlkreisbüro ist dabei oft der erste Ort, an dem Bürgerinnen und Bürger Sie erreichen.

Direkter Kontakt ist selten geworden. 2020 gaben 12 Prozent der Menschen im Osten und 13 Prozent im Westen an, Kontakt zu einer Politikerin oder einem Politiker gehabt zu haben. 2018 waren es noch 19 und 20 Prozent (bpb, Sozialbericht 2024, S. 347). Feste Sprechstunden und regelmäßige Besuche vor Ort fallen deshalb auf. Wie Sie Bürgerinnen und Bürger direkt erreichen, zeigt der Ratgeber Haustürwahlkampf.
Ein Plan für das Jahr hilft: Welche Termine im Wahlkreis sind Pflicht, welche wählen Sie bewusst aus, und wer aus dem Team bereitet sie vor?
Wie gehe ich mit der Belastung um?
Die Befragten beschreiben den Parlamentsalltag als „strukturell ungesund“ (Bosch-Studie, PDF-S. 42). Die Hoffnung, dass es nach den ersten Monaten ruhiger wird, erfüllt sich laut Studie kaum (PDF-S. 5). Erschöpfung wird oft als persönliches Versagen gesehen, nicht als Folge der Strukturen. Wer Schwäche zeigt, fürchtet um die eigene Karriere (PDF-S. 6). Wie viele Politikerinnen und Politiker Anfeindungen erleben, steht im Ratgeber Anfeindungen gegen Politikerinnen und Politiker.
Dazu kommen öffentlicher Druck und manchmal Anfeindungen. Was dann hilft, steht im Ratgeber Anfeindungen gegen Politikerinnen und Politiker.
Aus meiner Beratung weiß ich: Belastung lässt sich nicht wegorganisieren. Aber sie wird leichter, wenn Sie Grenzen früh festlegen, Aufgaben abgeben und einen Ort haben, an dem Sie offen sprechen können. Als Grundvoraussetzung nennen die Befragten der Studie Diskretion und Sicherheit (PDF-S. 56).
Was hilft im ersten Jahr?
Die Studie zeigt auch, dass sich die Bedarfe verändern. Am Anfang geht es um praktische Fragen wie Büroaufbau und Auftritte. Später werden Prioritäten, Pressearbeit und die eigene Rolle wichtiger (Bosch-Studie, PDF-S. 6). Was eine Supervision für Teams leistet, beschreibt die Seite Politische Supervision.
Ein Beispiel aus meiner Beratung
Ausgangslage: Eine neu gewählte Person stand im ersten Jahr vor einer neuen Rolle und mitten in einer Findungsphase: Was für eine Politikerin oder was für ein Politiker will ich jetzt sein? Welche Ziele setze ich mir, und wie setze ich sie um? Dazu kamen Konflikte im politischen Umfeld. Die Ebene nenne ich nicht, damit der Fall nicht erkennbar wird.
Auftrag: Klarheit über die eigene Rolle gewinnen, Ziele festlegen und umsetzen, Konflikte lösen.
Vorgehen: Politik-Coaching in regelmäßigen Terminen. Wir haben zuerst die Rolle geklärt: wofür die Person stehen will und was sie in der Wahlperiode erreichen möchte. Daraus sind konkrete Ziele und Schritte zur Umsetzung entstanden. Die Konflikte haben wir einzeln angeschaut und mit dem Blick von der Metaebene bearbeitet: nicht nur auf den einzelnen Streit, sondern auf das Zusammenspiel von Mandat, Fraktion, Partei und Öffentlichkeit.
Veränderung: Mehr Klarheit über die eigene Rolle, Lösungen und neue Ideen für die politische Arbeit und deutlich weniger Konflikte.
Anonymisiert, weil meine Arbeit vertraulich ist. Ihr Anliegen ist ähnlich? Im kostenlosen Erstgespräch (15 Minuten) klären wir, ob ich Ihnen helfen kann.
Wie ich Sie unterstütze
Ich begleite neue Abgeordnete und ihre Teams im ersten Jahr, überparteilich und für alle, die demokratisch antreten. Im Politik-Coaching klären wir Ihre Rolle, Ihre Schwerpunkte und Ihre Art zu führen. Mit Ihrem Team arbeite ich in einer Klausur oder in der politischen Supervision an Rollen, Absprachen und Konflikten.
Für neu gebildete Fraktionen biete ich Supervision von Beginn der Wahlperiode an. Was wir besprechen, bleibt vertraulich. Die Termine finden online oder vor Ort statt. Vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch (15 Minuten).
Häufige Fragen zum ersten Jahr im Mandat
Wann beginnt das Mandat im Bundestag?
Mit dem ersten Zusammentritt des neuen Bundestages. Er findet spätestens am 30. Tag nach der Wahl statt. Mit diesem Zusammentritt endet die Wahlperiode des alten Bundestages (Art. 39 GG). In den Ländern regeln das die Landesverfassungen.
Gibt es eine Einarbeitung für neue Abgeordnete?
Ja, die Fraktionen bieten Einführungen an. Laut der Studie der Robert Bosch Stiftung sind sie aber stark verdichtet. Im laufenden Betrieb bleibt wenig Zeit zum Lernen (PDF-S. 21).
Wer bezahlt die Mitarbeiter von Abgeordneten?
Im Bundestag rechnet die Verwaltung die Gehälter ab und zahlt sie direkt an die Beschäftigten. Arbeitgeber sind die Abgeordneten selbst (§ 12 Abs. 3 AbgG). In den Landtagen gelten die Abgeordnetengesetze der Länder.
Darf die Fraktion ein Coaching bezahlen?
Laut der Studie der Robert Bosch Stiftung dürfen Bundestagsfraktionen Angebote zur Weiterbildung für Abgeordnete nur koordinieren, nicht finanzieren (PDF-S. 21). Viele zahlen ein Coaching deshalb selbst. Klären Sie die Regeln vorab mit Ihrer Fraktion oder Landtagsverwaltung.
Wird es nach dem ersten Jahr leichter?
Die Abläufe werden vertrauter. Die Belastung bleibt nach Aussage der Befragten aber hoch (Bosch-Studie, PDF-S. 5 und 8). Deshalb lohnt es sich, Absprachen im Team und eigene Grenzen nach einem Jahr gemeinsam zu überprüfen.
Gilt das auch für den Landtag?
Die Grundaufgaben sind ähnlich: Büro, Fraktion, Wahlkreis und Belastung. Budgets, Regeln und Abläufe unterscheiden sich aber je nach Land. Mehr zum Weg in ein Landesparlament steht im Beitrag Wie wird man Landtagsabgeordneter?
Quellen
- Robert Bosch Stiftung und Better Politics Foundation: Gewählt. Und jetzt? Das erste Jahr im Bundestag zwischen Engagement und Überforderung (Juni 2026). https://bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2026-06/BetterPolitics_Report_FINAL.pdf
- Grundgesetz, Art. 39. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_39.html
- Abgeordnetengesetz, § 12 (Amtsausstattung). https://lexmea.de/de/gesetz/abgg/12
- Deutscher Bundestag: Mitarbeiter (Stand 1. Mai 2026). https://www.bundestag.de/abgeordnete/mdb_diaeten/1334d-260806
- Deutscher Bundestag: Wahltermine in Deutschland (abgerufen 26.10.2026). https://www.bundestag.de/parlament/wahlen/wahltermine
- bpb: Sozialbericht 2024 (PDF), Kapitel 10. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Sozialbericht_2024_bf.pdf
Aktualisierungen
- 26.10.2026: Beitrag veröffentlicht. Stand der Zahlen und Rechtsgrundlagen: 26.10.2026.
Autor Sebastian Flack
Über den Autor
Ich bin Sebastian Flack, systemischer Politikberater, politischer Supervisor (ASAS) und Politik-Coach. Als Sozial- und Politikwissenschaftler (M.A.) und Ex-Soldat bin ich seit über zehn Jahren in der Politikberatung tätig. Ich begleite Politikerinnen und Politiker, Parteien, Fraktionen und Organisationen dabei, in komplexen Lagen klar und handlungsfähig zu bleiben.
Meine Arbeit verbindet wissenschaftliche Fundierung, praktische Erfahrung und eine systemische Denkweise. Ich arbeite überparteilich für alle, die demokratisch antreten.
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